"Kein Friede, wie die Welt ihn gibt"

VON JÜRGEN HERBERICH

In Tausenden von Kirchen erschallt in der Osternacht der Segenswunsch des
auferstanden Christus. "Der Friede sei mit euch!" Seine ersten Worte an die
Jünger werden auch die Ohren der Gottesdienstbesucher erreichen, aber: bei
vielen werden sie in zweifelnde Herzen fallen!
Aufnahmen von Krieg und Zerstörung. Menschen auf der Flucht. Unbändiger Haß.
Schreckensbilder haben unseren Alltag der vergangenen Woche durchzogen. Im
Kosovo sind Mord, Vernichtung und Vertreibung Gegenwart. Bomben bringen
Zerstörung in Jugoslawien. Ist Frieden möglich?
Noch vor Ende des Zweiten Weltkrieges, im November 1944, sammelten sich auf
Initiative von Madame Marthe Dortel-Claudot Christinnen und Christen in
Frankreich. Sie beteten um die Versöhnung mit Deutschland. Die Bitte "und
vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben..." schien vielen nicht
nachvollziehbar. Den Schuldigern vergeben, den Deutschen, angesichts von
Krieg, Besatzung und Mord? Im Frühjahr 1945 riefen vierzig französische
Bischöfe zum "Gebet für Versöhnung mit Deutschland und den Frieden in der
ganzen Welt" auf. Die versöhnende Kraft des Friedens Christi sollte
verfeindete Menschen und Völker zusammenführen. Schnell verbreitete sich der
Aufruf auch in Deutschland. Über Grenzen hinweg wurden Kon-takte geknüpft.
Versöhnung geschieht. Frieden wird möglich.
Täglich standen in dieser Woche Menschen still vor dem Würzburger Dom. In
der Mitte eine Kerze, umgeben von Stacheldraht aus dem eine Rose blüht.
Schweigen für den Frieden im Kosovo. Menschen jeden Alters, Einheimische und
Fremde. Die Sehnsucht nach Frieden verbindet sie.
Frieden stiften verlangt mehr, als einen Konflikt mit Waffen zu beenden.
Gewalt kann bestenfalls noch schlimmeres Unrecht stoppen. "Der Friede sei
mit euch!" Der Auferstandene meint damit einen Frieden wie ihn die Welt
nicht gibt (Joh 14,27). Bei einem Krieg gibt es Sieger und Besiegte,
verlieren Menschen auf beiden Seiten. Wahrer Friede dagegen kennt nur
Gewinner, auf beiden Seiten.
Der Friede des Auferstandenen fällt nicht vom Osterhimmel. Sein Friede sucht
die Herzen der Menschen. Er hat sie noch während des Krieges unter den
Opfern in Frankreich gefunden. Damals. Sein Friede findet auch die Herzen
bei Serben und Albanern. Heute.
Hunderte von Freiwilligen haben seit dem Ende des Bosnienkrieges für kurze
Zeit in Flüchtlingslagern im ehemaligen Jugoslawien gearbeitet. Im
ökumenischen Schalom-Diakonat setzen sich Menschen für Gerechtigkeit und
Frieden ein. Zivile Friedensfachkräfte beraten und unterstützen seit Monaten
versöhnungsbereite Menschen vor Ort in Bosnien. Alle helfen durch ihren
Friedensdienst, tragfähige zivile und demokratische Strukturen zu entwickeln
im Anschluß an die gewaltsamen Auseinandersetzungen im Bosnienkrieg. Alle
engagieren sich mit Leib und Seele im Sinn des Auferstandenen. Damit
vorhandene Spannungen nicht erneut zu gewalttätigen Auseinandersetzungen
führen. Damit sich Vertrauen bildet.
Solche Friedensdienste zu fordern und für den Kosovo verstärkt zu fördern
ist Aufgabe der Kirchen Jesu Christi, soll der Friedensgruß des
Auferstandenen nicht hinter Kirchenmauern verhallen.
Unsere Gesellschaft braucht Stimme und Tat derer, die einen Frieden
ersehnen, der nicht in den gängigen Kategorien denkt. Sie braucht Menschen,
die Deutschland an die größer gewordene Verantwortung erinnern: Auf
Versöhnung zu setzen und das in die Völkergemeinschaft einzubringen, was
unserem Volk durch seine Nachbarn geschenkt wurde: Vergebung und Aussöhnung.



Jürgen Herberich
Nordstr. 38
97276 Margetshöchheim
Info: herberich@gmx.de



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