Predigt zur Wallfahrt nach Schmerlenbach, 20. September 1998

Mit Gottes Geist unterwegs

Lesung: Apg.1.12-14; 2.1-13,44-47 (in Auswahl)

 

Liebe Schwestern und Brüder,

- und manche spotteten und sagten: sie sind vom süßen Wein betrunken.

Die sind wohl von allen guten Geistern verlassen; der heilige Geist, was soll ich damit, von dem bekommt man nichts mit; gute und schlechte Witze über den Geist, die Taube, etwas unförmig an unserer Kanzel – all das sind Erinnerungen und Zitate, die mir, und vielleicht auch ihnen einfallen, wenn man versucht über den heiligen Geist zu sprechen und sein Wesen zu erfassen.

Es ist in der Tat nicht einfach mit ihm;

wenn ich vergleiche, wie leicht es mir fällt von Gott, dem Schöpfer der Welt zu predigen oder den Schüler davon zu erzählen. Schon beim Betrachten unserer großartigen Natur fällt es leicht an die Schöpfungsgeschichte zu denken und bei manchen Sonnenaufgang wird es nicht nur außen hell, es geht auch im Innern ein Licht auf und man spürt: da ist einer der die Welt und auch dich gewollt hat.

Und Jesus, der Christus? Da lebte ein Lebendiger unter uns Menschen. Einer der faßbar und erlebbar war. Die Zeugen erzählen von seiner Barmherzigkeit, seinem Großmut, seiner, auch an modernen Maßstäben gemessenen, großen Toleranz, seiner Liebe und Zärtlichkeit. Und dieser Mensch hat eine geschichtliche Wirkung, Gesellschaften und Menschen folgen über Generationen seinem Geist. Wir gehören dazu und wir glauben, dass in ihm Gott lebendiger Mensch geworden ist und dass deshalb auch er von den Toten auferstanden ist und so uns zeigt, dass wir vom Tod erlöste Menschen sind.

Im Kreuzzeichen schließen wir an dieses Bekenntnis den heiligen Geist an. Vielleicht ist es ja noch leicht zu erfassen, wenn man zeitlich betrachtet sagt: Gott ist kein einmaliger Akt der Schöpfung, er ist keine einmalige geschichtliche Person sondern er ist einer der dauernd und ewig ist. Und er ist auch jetzt, in dieser Stunde existent, in seinem heiligen Geist. Aber dann tauchen die Fragen auf:

Wie ist er denn erfahrbar?

Wo können wir ihn spüren und erleben?

Wie beeinflußt er unser Leben?

Gerade bezüglich des heiligen Geistes wird es auf diese Fragen keine letztlich alles erklärende, für uns naturwissenschaftlich denkende Menschen einsichtige Antwort geben. Es ist daher hilfreich auf die Erfahrungen und die Situationen derer zu blicken, die uns von ihm erzählen.

Ein Mensch auf den man seine ganze Hoffnung setzte, einer von dem man alles erwartete, Befreiung, ein neuer Weg, einer von dem Impulse ausgingen – er ist tot. Er starb am Kreuz, weil er mit seiner ganzen Liebe, nicht in das Konzept der Mächtigen passte. Macht und Reichtum waren ihre Kriterien, mit denen Jesus nicht übereinstimmte. Er ist tot und aus ihrer irdischen Welt verschwunden, seine Mutter, Frauen und Männer trauern. Sie sind ängstlich, Hoffnungslosigkeit macht sich breit und sie haben mehr Fragen als Antworten – wie geht es wohl weiter?

In dieser trostlosen Atmosphäre wird der Geist Gottes lebendig. Die Apostelgeschichte erzählt davon. Es ist das unerwartete, das die alltägliche Erfahrung überschreitende, das geschieht. Sie bekommen Mut, sie reden, treten an die Öffentlichkeit, treten den Mächtigen furchtlos gegenüber und leben und geben den Geist dessen weiter, der für viele ein abgeschriebenes Kapitel war.

Es entsteht zunächst eine kleine Gemeinschaft, die sich aber durch eine innere Dynamik angetrieben, immer mehr ausbreitet. Es entsteht unsere Kirche, die die Zeiten trotz aller Widersprüche überdauert. Woher bekamen all diese Menschen die Kraft und den Mut? Eine christliche Antwort erzählt vom heiligen Geist. Dort wo die Menschen darauf vertrauten, dort wo sie zu ihm beteten, wurde er wirksam und erfahrbar.

Er ist dabei immer wieder der Geist der Einheit. Er sammelt die, die zerstreut sind und lässt sie erkennen: "zusammen sind wir was" wie es in einem Kinderlied heißt.

Fast scheint es ja in einem Widerspruch zu stehen, trotzdem auch Einzelne bekommen durch ihn Ideen und Impulse, die Fingerzeig für kommende Generationen sind. Viele Heilige zeigen uns solch neue Wege: ich denke da vor allem an den heiligen Franziskus der in einer Kirche der Macht, Demut und Armut neu entdecken läßt. Ich denke auch an eine Edith Stein, die am 11. Oktober heilig gesprochen wird, die sich mutig für Frauen und die Achtung der Juden, in einer Gesellschaft eingesetzt hat, einer Gesellschaft die sich selbstüberheblich über andere Rassen und Ideologien hinwegsetzte. Woher bekam diese Jüdin den Mut Christin zu werden, woher nahm sie die Kraft ,bis zuletzt in Auschwitz, ihrem Glauben treu zu sein?

Unser Glauben erzählt davon, dass dies durch den heiligen Geist möglich ist, er ist der Beistand der Leben schafft, der Tröster in verlassenen Stunden, der, der uns die rechten Antworten gibt und unser Gewissen zum Guten lenkt. Er ist der Geist der uns Mut macht wenn Ängstlichkeit uns lähmt und der Geist der uns immer wieder zum Glauben und zu Gott führt.

Auch heute gibt es viele Situationen in unseren Familien, am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft und erst recht in unserer Kirche, die Menschen mutlos, hoffnungslos, ängstlich und phantasielos machen.

Ich kann in dieser Situation nur auf zwei Gedanken hinweisen:

  1. Nehmt euch Christen zum Vorbild, erzählt von eurem Leid, geht auf die Straßen und Plätze, seht das Unrecht, macht euch für das Gute stark, habt Mut und Vertrauen, sammelt euch in den Gemeinschaften, auch in unserer Kirche, und tretet im Alltagsleben ein für Gerechtigkeit und Liebe.
  2. Vergesst nicht zu beten. Auch das zeigt uns Maria und die Jüngerschar. Im Gebet fanden sie zusammen und im Gebet entdeckten sie ihre eigene Kraft. Fragt wo sind meine Wurzeln und wie finde ich ihn? In seinem Wort, das uns im Gebet begleitet, ist er, der Herr, lebendig.

Wir waren heute als Volk Gottes unterwegs. Ich wünsche uns, dass diese Gemeinschaft im Alltag weiterlebt. Zur Ehre Gottes und zum Wohl der Menschen

Amen

Diakon Bernhard Kullmann,

St.Michael, Aschaffenburg

1./2. August 1998



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