Predigt zum 100 jährigen Bestehen des "Vereins für Hauskrankenpflege und Kindergarten"
Thema: Kindergarten und Diakonie (zweite Vorbereitungspredigt auf das Fest)
19./20. September 1998
Lieber Schwestern und Brüder,
wenn ich an meine frühsten Erinnerungen im Gemeindeleben zurückdenke, fallen mir immer wieder Dinge ein, die in enger Verbindung mit dem alten Schwesternhaus und dem damals darin liegenden Kindergarten zu tun haben. Als Kinder wurden wir zu dem Kindergartenfest oft verkleidet. Einmal war man ein Gärtner in einer grüner Schürze, das andere Mal tanzte man als Junikäfer mit großen Flügel auf dem Rücken, immer angeleitet und gut einstudiert von den Kindergärtnerinnen, die für uns einfach nur Tante Leni oder Tante Anni genannt wurden. Zum Nikolausfest kam ein großer Mann der als Nikolaus verkleidet war in den damals neuen Pfarrsaal und verteilte kleine Geschenke, beeindruckend für uns als Kinder. Manchmal finde ich noch ein altes Bild, man entdeckt sich darauf, lacht und ist froh, es war wohl eine schöne Zeit.
Einmal hatte ich mir als Kind den Zeigefinger in der schweren Eisentüre des Nachbarn eingeklemmt. Fürchterlich laut habe ich geschrien und dann ging meine Großmutter mit mir zu den Schwestern ins Schwesternhaus. Ein oder zwei Treppen musste man steigen, dann wurde der Nagel von der Schwester gezogen und alles wurde mit Jod eingepinselt, ich glaube, dies tat noch mehr weh, als der kleine Unfall.
Neben der Familie und dem Elternhaus waren Kindergarten und Kirche, Schwestern und Pfarrer die wichtigen Lebensbereiche, nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen anderen, über Generationen hinweg. Und diese Institutionen haben alle in irgendeiner Form miterzogen und damit die Gemeinde mitgeprägt.
Wenn ich daran heute zurückdenke und dies mit unserem Fest verbinde fällt mir ein, dass dies in einer Gesellschaft bestimmt kein falscher Weg ist.
Kindergärten gibt es erst seit dem letzten Jahrhundert. Comenius und Fröbel sind Namen die mit der Einrichtung der Kindergärten eng verbunden sind. Mit Beginn der Industrialisierung entstanden auch bei uns "Kinderbewahranstalten". Für uns klingt dieses Wort sehr streng und unangemessen, aber von Anfang an bemühte man sich auch darum, den Kindern elementare Kulturtechniken und soziales Verhalten zu vermitteln. Viele Kindergärten entstanden im Bereich der Kirchen. Zuerst kümmerten sich Ordensschwestern um den Nachwuchs der Familien in der Gemeinde.
So auch bei uns hier in Damm, 1857 wird im Mädchenschulhaus ein Kindergarten eingerichtet und von den englischen Fräulein betreut. 1910 wird das Schwesternhaus mit einem Kindergarten gebaut, die englischen Fräulein leben bis 1951 in unserer Gemeinde St.Michael. Seit 100 Jahren unterstützt der "Verein für Hauskrankenpflege und Kindergarten" die Institution Kindergarten.
Das liebe Schwestern und Brüder sind allerdings nur die geschichtlichen Fakten. Fast alle Dämmer sind durch diesen Kindergarten gegangen, 3 Jahre wurden sie als Kinder in den ganz entscheidenden Lebensjahren betreut und begleitet. Auf dem Kindergarten und den Erzieherinnen, auf der Gemeinde und den Eltern lastet damit eine große Verantwortung für die Zukunft der Gemeinde und der Gesellschaft, denn soziales und christliches Miteinander wird neben der Familie vor allem im Kindergarten erlernt.
Die Geschichte, unseres katholischen Kindergartens, der immer auch Kindern anderer Konfessionen, Religionen und Nationalitäten offenstand, ist eng mit der Religiosität und der christlichen Identifikation der Gemeinde verbunden. Gerade deshalb auch ist es ein Gebot christlicher Nächstenliebe, sich um die schwächsten Glieder einer Gemeinde zu kümmern. Sie müssen nicht nur die Liebe des Elternhauses, sondern auch die Fürsorge und Solidarität der Gemeinschaft erfahren. Jesus selbst ruft ja die Kinder in die Mitte der umstehenden Gemeinde, er vertraut sie den Menschen an und gibt die Kleinen den Großen zum Vorbild. Jesus ist zärtlich und offen für die Kinder und durch seinen Segen gibt er einen Hinweis auf die Entwicklung der Kinder.
Unserer Zeit ist vieles davon fremd geworden. Kinder werden mißbraucht oder oft auch nur sich selbst überlassen, oft aus Eigensucht, Gedankenlosigkeit oder Gewinnsucht. An diese, die so mit den Kindern umgehen, richtet sich das Wort des Herrn, wenn er spricht: Wer einem der Kleinen nur ein Haar krümmt, besser wäre es, ein Mühlstein würde um sein Hals gebunden, und er würde in den Tiefen des Meeres versenkt.
Genau um solche Fragen geht es, wenn wir auch von Caritas und Diakonie bezüglich des Kindergartens sprechen. Jesus propagiert den Umgang mit den Schwachen und Kleinen. Sie sind uns anvertraut, zur Sorge und zur Liebe. An den Schwachen in der Gesellschaft zeigt sich, wie ernst wir es mit Christentum und Nächstenliebe meinen. So ist deshalb auch die Frage erlaubt, wie unterstützen wir die Anliegen der Organisationen, die sich um Kinder und Schwache kümmern. Mit dieser Unterstützung ist nicht nur das Geld gemeint, da wird in unserer Gemeinde und in unserer Gesellschaft einiges geleistet. Es geht auch um Solidarität und Identifikation.
Wenn ich davon erzählte, wie ich den Kindergarten als Kind erfuhr, wenn viele von Ihnen das genauso erlebten, so ist mit dieser Erinnerung auch die Aufgabe zu sehen, die Verein, Caritas, Pfarrgemeinde und Stadt tragen. Stehen wir hinter diesen Aufgaben? Nehmen wir die Kinder mit all ihren Eigenarten, die in unserer Zeit nicht immer leicht zu handhaben sind an, oder gehören wir auch zu jenen die immer nur nörgeln und an den Kindern herumschimpfen. Wer die Kindergartenarbeit kennt weiß, dass dort viele wertvolle, gute aber auch schwierige Arbeit von den Erzieherinnen geleistet wird. Wir sind den Frauen in unseren beiden Kindergärten zu Dank verpflichtet, dass sie sich unserer Kinder annehmen. Sie praktizieren in unserer modernen Zeit durch viele Methoden, wie der Umgang mit den Kindern heute aussehen kann. Nicht nur Kinder können da lernen, auch wir Erwachsenen, Eltern und Großeltern dürfen uns einige Gedanken und Methoden deren Arbeit aneignen und davon etwas mitnehmen.
Mich fasziniert immer wieder wieviel Geduld und Engagement da aufgebracht wird. Zwei Punkte die besonders wichtig sind. Bringen wir im Alltagsleben das auch unseren Kindern entgegen? Mir selbst gelingt es auch nicht immer. Es ist wie mit vielen Forderungen die aus dem Glauben heraus entstehen, der Geist ist schon willig, aber es gelingt nicht immer weil wir zu stark in uns selbst verstrickt sind.
Zu diesem Jubiläum wünsche ich unseren Kindern geduldige Erzieherinnen und liebevolle Eltern. Nur dort wo man Liebe sät kann auch Liebe gedeihen. Wir brauchen die Früchte dieser von Jesus gewollten Nächstenliebe, vor allem in unserer Zeit und in unserer Gesellschaft. Fangen wir bei uns an!
Amen
Diakon Bernhard Kullmann,
St.Michael, Aschaffenburg
1./2. August 1998