Predigt, Maria Namen - goldene Kommunion,
Gailbach 12.September 1998
Liebe Schwestern und Brüder,
vielleicht haben Sie auch schon mal da gesessen und darüber nachgegrübelt: Warum musste das passieren? - Warum ist mein Leben gerade so verlaufen und nicht anders?
Diese Gedanken können manchmal ganz positiv geprägt sein, aber, wir können auch die andere Erfahrung machen, manchmal negativ. Oft sind es nur kleine Momente, ungeplant, die im Leben die Weichen stellen. Man begegnet beispielsweise einem Menschen, verliebt sich und heiratet. Wie wäre das Leben ohne diese Begegnung verlaufen? Was wäre gewesen, wenn man nur einige Minuten später oder einen anderen Weg gegangen wäre? Andere Kinder, anderer Wohnort, ein anderer Beruf...- das Leben wäre anders verlaufen.
Auch Maria, deren Namenstag wir heute feiern, hat ein plötzliches überraschendes Erlebnis. Der Text des Evangeliums berichtet davon. Der Engel des Herrn tritt zu ihr und verkündet: einen Sohn wirst du gebären, du sollst ihm den Namen Jesu geben.
Von diesem Moment an, ändert sich das Leben dieses jungen Mädchens aus Israel. Die Mutter des Herrn hat es nicht einfach, auch davon erzählt die heilige Schrift in den verschiedenen Stationen: Bethlehem, die Flucht nach Ägypten, das verlorene Kind, der eigenwillige Prediger, der Tod am Kreuz und auch die Auferstehung.
Was wäre gewesen, wenn sie nein gesagt hätte?
Ab diesem Gedanken lässt sich aber auch noch etwas anderes beobachten: nicht nur das individuelle Schicksal auch der Verlauf der großen Geschichte wird durch kleine, oft unscheinbare Momente bestimmt. Ich glaube nicht an die Vorbestimmung, sondern an die Freiheit die Gott uns Menschen schenkt, wir können den Weg mitbestimmen. Er, Gott der Herr, zeigt uns aber den rechten Weg. Gehen müssen wir diesen Weg selbst.
Vor 50 Jahren, am 4. April 1948 sind einige von ihnen zum ersten Mal an den Tisch des Herr geschritten und haben zu ihm ja gesagt. Sie wurden im gleichen Jahr vom Bamberger Erzbischof gefirmt und unser Glauben sagt uns, Gottes Geist ruht durch diese heilige Sakramente auf Ihnen.
Es war eine kurze, aber lebendige Begegnung mit Gott, in der Schule hatten sie sich in dieser schweren Zeit nach dem Krieg darauf vorbereitet, die Familien haben sich darauf eingestimmt und bestimmt wurde trotz aller materiellen Nöte in dieser schweren Nachkriegszeit im Rahmen des Möglichen gefeiert.
War es nur ein Moment, so möchte ich sie heute fragen, der Ihr Leben geprägt und in gewissen Bahnen gelenkt hat oder war es einer der Momente die über das Leben einfach so hinweggestrichen sind.
Es ist gut, wenn sich eine Gemeinschaft, so wie die ihre, die heute aus diesem Ereignis einen Festtag gestaltet daran erinnert und auch aus dieser ersten heiligen Kommunion positiv lebt und ihr tägliches Miteinander gestaltet.
Unserer Zeit sind diese Gedanken und Zusammenhänge fremd geworden. Schon einige Tage nach der Erstkommunion stößt man auf Vergessen. Die Begegnung mit Gott hinterläßt keinen bleibenden Eindruck mehr. Vielmehr sind es die Geschenke und die Feste von denen man spricht.
Doch die sind vergänglich! Sie bleiben liegen, verrosten, verwelken und verrotten. Kein Mensch spricht mehr von ihnen, wenn sie nicht aus dem Herzen kamen, schon gar nicht nach 50 Jahren.
Ihr Fest damals, fiel in eine Zeit des Aufbruchs. 1948 kam die Deutsche Mark. Sie hatten haben auch noch die Not und die Zerstörung durch ein 1000 jähriges Reich vor Augen. Was ist eigentlich mit diesen Elementen geschehen? Sie sind vorbei. Aus den 1000 Jahren wurde nichts als eine kurze Zeit des Krieges und des Leides mit über 60 Millionen Opfern, zerstörten Familien und einem neuen Abschnitt in der Weltgeschichte. Die DM, heute sprechen wir noch davon, aber wir wissen auch diese Geschichte ist vergänglich, in 5 Jahren wird man ihr vielleicht noch nachtrauern, aber im Wesentlichen ist es vorbei und vergessen, so wie die Goldmark und die Reichsmark.
Was bleibt also?
Bei Maria war es die unerschütterliche Liebe zu Gott, die den Lauf der Geschichte entscheidend bestimmt. Durch ihr ja, kam der Gott der Liebe als greifbarer Mensch in diese Welt.
Können wir nicht gerade daraus lernen. Ich möchte die Behauptung so aufstellen: die ernstgemeinte Liebe ist das was bleibt und prägt auch wenn die persönliche Lebenserfahrung dem zu widersprechen scheint.
Gott jedenfalls bringt ihnen diese Liebe, durch seine Opfertat, die wir auch jetzt wieder in diesem Gottesdienst feiern entgegen. Sein Leib, und ich durfte es beispielsweise bei vielen Kranken erfahren, schenkt Kraft und gibt Hoffnung auch über dieses irdische Leben hinaus.
Ihnen wurde dieses Geschenk auch gemacht, aber es ist wie mit jedem anderen Geschenk auch, wenn es nur in der Ecke liegt, bewirkt es nichts. Es wirken zu lassen heißt: dem lebendig gewordenen Gott, so wie es Timotheus in der Apostelgeschichte beschreibt, nachfolgen. Das heißt seine Liebe, durch Offenheit, Toleranz und Barmherzigkeit an die Menschen in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft und in der Gesellschaft weitergeben.
Für diesen Auftrag, liebe Schwestern und Brüder, den sie auch heute wieder durch die Begegnung mit ihm bekommen, wünsche ich ihnen viel Kraft und Gottes Segen
Amen
Diakon Bernhard Kullmann
Gemeinde St.Michael
Aschaffenburg-Damm