Predigt, 13. Sonntag A; Matthäus 10, 37-42
... ein recht provokanter Text - Anspruch und Wirklichkeit
Liebe Schwestern und Brüder,
wen lieben Sie? Woran hängt Ihr Herz?
Wenn Sie diese Frage aus Ihrem menschlichen Alltag heraus beantworten und diese Antwort in eine Beziehung stellen zum heutigen Evangelium, spüren Sie vielleicht, wie Sie mit Ihrer Antwort am biblischen Text anecken. Jesus fordert den ganzen Menschen, innerlich soll er ganz für den Herrn da sein und auf dem Lebensweg gibt es nur ein Ziel, nämlich Gott. Und, es ist kein bequemer Weg den uns der Herr vorzeigt, sondern vielmehr einer, der durch Last und das Kreuz geprägt ist. Keine schönen Aussichten für einen Weg des Glaubens durch das irdische Leben.
Ich denke an diesem Text begegnet uns das alte Dilemma: Anspruch und Wirklichkeit.
Zwischen diesen beiden Polen gilt es für uns einen Weg zu finden.
Ich liebe meinen Ehepartner, ich liebe meine Kinder, ich liebe mich selbst, an meiner Gesundheit, den Schönheiten des Lebens und an meinem Hab und Gut hängt mein Herz. Nichts möchte ich davon missen – so sind vielleicht auch Ihre Antworten auf die eingangs gestellte Frage ausgefallen.
Das führt uns zur Wirklichkeit. Wir wissen, dass unser Leben ganz und gar von diesen Beziehungen und Dingen geprägt ist. Es bleibt ja kaum Zeit für etwas anderes. Wenn etwas schief läuft vielleicht mit der Liebe, dem Besitz oder auch dem Arbeitsplatz, dann sind wir so sehr in das Irdische verstrickt, dass wir nichts anderes mehr sehen, hören und spüren. Wir vergessen sozusagen die Welt um uns herum. Manchmal begegnen uns Menschen, da ist die Beziehung zu einem Anderem so stark, dass wir sagen: "Liebe macht blind". Manchmal auch sind Menschen nur in sich selbst verliebt, sie erscheinen uns als egoistisch und narzißtisch. Manchmal sind es Sachen, Dinge oder auch Ideen die den Einzelnen gefangen halten. Diese Menschen wirken auf uns oft geizig oder schon besessen.
Diese doch recht extreme Beispiele zeigen, dass der Mensch oft nur um sich selbst kreist, in jedem von uns steckt auch davon etwas. Die Beispiele zeigen aber auch, wie sehr wir in diese irdische Wirklichkeit verstrickt sind. Unsere Ziele und unser Handeln machen wir an der Realität des Alltags fest. Trotz allen Glaubens wissen wir im Grunde genommen auch, dass es anders gar nicht sein kann. Wer den Boden unter den Füßen verliert, schwebt davon und kann das Leben nur schwer meistern. Traumtänzer haben in dieser modernen Zeit kaum eine Chance.
Vielleicht aber auch spüren Sie, dass diese realistische Sicht der Dinge unsere Zeit prägt. Geld und Macht, Ansehen und gute Unterhaltung sind zu maßgeblichen Bezugspunkten des Lebensalltags geworden. Die Schattenseiten sind uns bekannt: immer häufiger klagen Menschen über eine soziale Kälte in ihren individuellen und auch gesellschaftlichen Beziehungen. Ehen gehen zu Bruch, Mobbing am Arbeitsplatz und in der Schule, ziellose Kinder und Jugendliche, abgeschoben sein im Alter, aus ökonomischen Gründen den Arbeitsplatz verlieren – das sind die konkreten Auswirkungen einer solchen Denkweise.
Soviel vielleicht zur Wirklichkeit. Der Anspruch ist für uns aber genauso wenig verlockend. Liebe Gott ganz und gar. Lass alles hinter dir, zieh los, verkünde die frohe Botschaft. Verzichte auf Reichtum und deine liebgewonnene Beziehungen. Verzichte auf das irdische Glück und dein Lohn im Himmelreich wird dir gewiss sein. Jesus fordert uns zu einem furchtlosen Bekenntnis auf, mit Leib und Seele sollen wir ihm folgen und ganz für ihn das sein. Gemessen an dem zuvor Beschriebenen scheint dieses Angebot nicht sonderlich attraktiv und die Vertröstung auf später kann in der heutigen Zeit nicht besonders viel Menschen begeistern. Dabei ist es eine vernünftige Botschaft die wir verbreiten sollen: die Liebe soll euer Maßstab für das Leben sein, seid offen für Andere, seid barmherzig und gütig, so wie es Euch der Herr vorgelebt hat.
Wer kann das schon?
Sicher unser Heiligenkalender ist voll von Menschen, denen es gelungen ist alles hinter sich zu lassen und einen neuen Weg im Glauben zu gehen. Denken wir an den heiligen Franziskus. Er lebte in einer reichen Familie und seine Zukunft schien gesichert. Er bekam es fertig all dem zu entsagen und neue ungewohnte Wege zu gehen. Er ist nicht der Einzige in der Kirchengeschichte der diesen Schritt schafft.
Die Mehrzahl aller Gläubige aber sind Menschen wie Sie und ich.
Sind wir deswegen schlechter? Haben wir denn gar keine Chance ins Himmelreich zu kommen? Sind wir seiner etwa nicht würdig?
Ich denke, es wäre ein unbarmherziger harter Gott wenn seine Antwort so ausfallen würde: ich, sonst keiner.
Mir zeigt diese Botschaft vom furchtlosen und bedingungslosem Bekenntnis zu Gott, dass es im Leben ein Ziel geben muß. Diese Ziel kommt nicht von uns, sondern wird uns durch Gott in seinem Evangelium vorgezeigt. Unsere Aufgabe ist es, dieses Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, sondern durch unser Leben und Handeln darauf zuzusteuern. Gottes Reich bricht dann bereits unter uns Menschen an. Dort wo man liebt ist er gegenwärtig. Dort wo man haßt und egoistisch lebt ist er ferne. Es geht also nicht nur um etwas zukünftiges, es geht auch um das hier und jetzt und um das, was ich als Wirklichkeit beschrieben habe.
Sind wir als einzelne, als Kirchengemeinde und als Gesellschaft auf dem richtigen Weg? Ich glaube es gibt viele Gefährdungen in unserer Zeit. Als Christ aber vertraue ich darauf, dass alles sich zum Guten wenden wird. Das kommt nicht von alleine, jeder Einzelne muss dazu seinen Beitrag leisten – dazu wünschen ich Ihnen Kraft
Amen
Diakon Bernhard Kullmann
Gemeinde St.Michael
Aschaffenburg, Damm