Predigt zum 23. Sonntag, A

Leben in Liebe

Liebe Schwestern und Brüder,

vor einiger Zeit habe ich über die Liebe gepredigt. Es gab darauf hin einige Resonanz und mir wurde erzählt, wie schön Liebe sein kann, aber auch wie schlimm es ist, wenn die Liebe unter Partnern verstummt. Die Liebe ist etwas, was uns beschäftigt und im tiefsten Innern berührt. Ohne Liebe ist es viel schwerer zu leben und oft fehlt den Menschen die Orientierung, weil ohne Liebe kein rechtes Ziel da ist.

In der heutigen Lesungstexten ist wieder von der Liebe die Rede. Dabei geht es aber nicht um die persönliche Liebe zu einem Partner, vielmehr steht die Liebe in der Gemeinschaft der Menschen im Mittelpunkt.

Ich möchte einfach folgende These aufstellen: So wie der Einzelne Liebe braucht so braucht auch eine Gemeinschaft Liebe um bestehen und sich sinnvoll weiterentwickeln zu können.

Natürlich hat diese Form der Liebe einen ganz anderen Charakter als die persönliche Liebe und trotzdem gibt es sehr viel Gemeinsames zu entdecken.

Um dies in unserem eigenen Leben reflektieren zu können, möchte ich zunächst die Gemeinschaften betrachten, in denen wir Menschen leben. Dabei gilt der Grundsatz: ohne Gemeinschaft kann der Mensch nicht leben. Geistig und körperlich ist er ganz auf Gemeinschaft angelegt. Selbst Robinson auf der Insel sehnt sich nach Anderen und tut alles um seine Insel zu verlassen. Mit Freitag erfährt sein Leben eine Wende und er hat wieder eine Zukunft.

Auch der kleine Prinz braucht seine Rose, die er liebt. Sie erschließt ihm den Lebenssinn. Für andere da zu sein, mit anderen zu sein, ist Teil dieses Lebens und es gehört unabdingbar dazu, so wie die Luft und die Sonne.

Es sind deshalb auch die individuellen Gemeinschaften die uns zunächst im Alltag beschäftigen, die Familie oder die Partnerschaft. Je näher die Gemeinschaft an uns herankommt, um so mehr kann sie Freude schenken aber auch Leid verursachen. Wie sehr beschäftigt uns die Sorge um die Gesundheit der Eltern oder der Kinder, wie oft beschäftigen wir uns mit der Zukunft unserer Kinder oder unserer Partnerschaft? Schlaflose Nächte, freudige Feiern, tiefe Trauer und glückliche Momente sind Ausdruck dieser emotionalen Anteilnahme an diesen Gemeinschaften.

Wir leben aber auch in unserer gesellschaftlichen Welt. Diese ist geprägt vom Arbeitsplatz, manchen Vereinen und für viele von uns, auch durch die kirchliche Gemeinschaft, in der wir leben. Auch hier gibt es oft Momente die uns emotional angreifen. Wir spüren dann, dass wir Teil dieser Gemeinschaften sind. Viele Mitarbeiter engagieren sich in Gruppen, und je mehr man dabei ist, um so mehr spürt man auch die Dynamik gesellschaftlicher Prozesse. Nicht alles geht nach dem eigenen Willen, man muß sich zusammen raufen, man kämpft um Ideen, fühlt sich verstanden und angenommen, manchmal aber auch an die Seite gedrängt und mißverstanden. Man ist zeitweise beleidigt und manche werden oder fühlen sich aus bestimmten Kreisen ausgestoßen. Leben in Gemeinschaften prägt genauso wie die Familie das eigene Leben entscheidend mit. Umgekehrt entsteht das Bild der Gemeinschaft durch die vielen Einzelnen.

Genauso verhält es sich auch mit Gesellschaft, Staat und Welt. Obwohl oft weit von uns entfernt, sind wir doch Kinder dieser Gesellschaft und dieser Welt. Du bist Deutscher, oftmals schon alleine durch diese lapidare Feststellung wird ein Bild von einem Menschen gezeichnet. Umgekehrt bezeichnen wir durch das Nennen der Nationalität einen besonderen Typus und das Bild eines Menschen. Wir werden dabei oft ungerecht, vielleicht auch deshalb, weil wir einfach eine Schublade aufmachen und den Anderen darein stecken, ohne seine eigene Persönlichkeit genau zu sehen.

Wie ein Zwiebelschale um uns herum, sind diese verschiedenen Gemeinschaften angelegt. Das Bild der Zwiebel zeigt aber auch noch mehr. Die Mitte, nämlich wir selbst, werden durch die äußeren Schalen geschützt.

Zugleich gehören wir unabdingbar dazu. Ohne das Individuum, ohne den Einzelnen kann eben keine Gemeinschaft leben.

Auch wenn die Schale beschädigt wird oder kaputt geht, leidet das Innere mit, auch das konnten wir an den Beispielen sehen.

Ist der innere Kern schlecht, und dies ist eine andere Sichtweise, so wird auch das oft das Äußere, wenn auch nicht gleich, ungenießbar.

Verhält es sich nicht mit unserem Leben ganz genauso?

Damit dieses Zusammenspiel zwischen Innen und Außen, zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft funktioniert haben wir Menschen Regeln und Gebote des Zusammenlebens entwickelt. Einige sind so elementar, daß wir diese als ein Geschenk Gottes verstehen. In der Lesung wurden uns diese Gebote genannt. Wie bei dem Bild der Zwiebel, geht es um das Innen und Außen. Ohne Zuverlässigkeit in den Beziehungen, so zeigt das Verbot vom Ehebruch, kann keine Gesellschaft heranwachsen. Es geht nicht nur um eine Zweierbeziehung, sondern beispielsweise auch um die Zukunft der Kinder und ihrer Entwicklung, die in Wechselwirkung mit der Gesellschaft steht.

Du sollst nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen und begehren, zählt Paulus auf. Trotz aller Selbstverständlichkeit dieser Gebote wurde ihr Sinn und ihre Gültigkeit zu allen Zeiten diskutiert. Das gilt auch für unsere Zeit. Denken sie an die Diskussion um die Todesstrafe, den Militäreinsatz, um den Umgang der reichen Ländern mit den Entwicklungsländern, dem Umgang am Arbeitsplatz, das Ausfüllen der Steuererklärung oder manche Bekenntnisse und Erkenntnisse im politischen Leben. Die scheinbare klaren Gebote scheinen im konkreten Fall durchaus interpretierbar zu sein.

So möchte ich fragen: Ist also tatsächlich alles beliebig, so wie es unsere Gesellschaft oft zu leben scheint. Ich denke nein, neben den Geboten es noch andere Maßstäbe menschlichen Handelns geben.

Jesus selbst setzt einen solchen Maßstab indem er das Gebot der Nächstenliebe mit Leben füllt. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Paulus sagt: Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Augustinus drückt es so aus: Liebe, und dann tu was du willst.

Einfache, kurze Sätze sind dies. Ich wünsche mir und Ihnen, dass sie unter uns Wirklichkeit werden.

Amen

 

Diakon Bernhard Kullmann

Gemeinde St.Michael

Aschaffenburg, Damm

 



Hier geht´s zu einer Einladung und zur Predigtseite