Predigt am 5. Sonntag nach Ostern (1./2. Mai)

Schutzmantelmadonna, Geborgenheit und Gemeinschaft

Liebe Schwestern und Brüder,

ich erinnere mich noch genau daran, wie ich als Kind vor unserer Schutzmantelmadonna stand und mir genau die verschiedenen Figuren anschaute die sich unter Marias schützenden Mantel stellten. Lange Zeit dachte ich es seien nur Kinder, eben so wie ich. Später stellte ich fest, dass es überwiegend Erwachsene sind. Ich habe wohl damals nicht viel über den Sinn der Skulptur nachgedacht, gleichwohl faszinierte mich die Holzschnitzerei.

Außer der Sicht des etwas Reiferen denke ich, dass dieses Bild vieler unserer Sehnsüchte zum Ausdruck bringt, vor allem nach Geborgenheit und Gemeinschaft.

Als nach dem Krieg diese Figur für das neue Gotteshaus angeschafft wurde, so denke ich mir, haben gerade diese beide Werte besonders gezählt. Vielleicht hatte der Künstler selbst Erinnerungen an Bombennächte und den erst vor Kurzem beendeten Krieg. Ich erinnere mich an die Erzählungen meiner Großmutter die von den Nächten in den Kellern Damms erzählte, von ihren Ängsten und den viele Toten am 21. November 1944. Wie sie haben wohl viele Menschen so gedacht und empfunden. In der wieder aufgebauten Kirche, wird wenige Jahre nach dem Krieg, dann diese Skulptur gestellt. Im Stil der Zeit, etwas modern, aber die klassische Linie nicht verlassend. Unter diesem Gedanken bekommt das "beschützt sein" eine besondere, lebendige Bedeutung. Viele der Betenden, haben ihre Lebenssituation unter den Schutz der Gottesmutter gestellt – bewahre uns Mutter Gottes vor dem Unheil, von außen und von oben, so mögen die Bittenden gerufen haben. Der Krieg der die Zeit so sehr prägte, die gefallenen Männer und Söhne hatte man noch nicht vergessen, die Toten unter den zerstörten Häusern waren lebendige Erinnerung und die Angst vor einem weiteren Krieg die immer wieder aufkeimte, brachte auch dieses Bildnis hervor. Nur du alleine Mutter Gottes kannst uns beschützen, Bunker und Luftschutzkeller, militärische Mächte und Bündnisse bieten keinen wirklichen Schutz.

Man suchte die neue Gemeinschaft. Durch die Vertreibung kamen auch viele Familien neu in unser Stadtteil. Manch einer hatte durch die Untaten seinen Glauben verloren, manche gingen neue, ungewohnte Wege und durch den Kontakt mit anderen Kulturen drangen neue Werte in die Gesellschaft. "Nichts war mehr so wie vor dem Krieg", so sagte auch meine Großmutter oft. Verständlich also der Wunsch nach einer Gemeinschaft unter einem gemeinsamen Bezugspunkt und einer festen Größe, die auch den Anfechtungen der Zeiten standhält. Die Mutter Gottes, Maria, ist eine solche Größe. Alleine durch die Proportionen der Skulptur wird dies deutlich. Sie schließt Menschen unterschiedlicher Herkunft, Gedankenwelten und Kulturen zusammen. Verschiedene Generationen, Reiche und Arme, Alteingesessene und Zugereiste versammeln sich unter ihrem Mantel. Sie, die Mutter des Herrn läßt keinen außen vor.

Wenn Jesus im heutigen Evangelium, in der Abschiedsrede, spricht: "Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten", ist der Platz im himmlischen Reich, im Jenseits, gemeint. Auch er, der Herr, greift unsere Sehnsüchte nach Geborgenheit und Gemeinschaft auf. Was auch immer kommen mag, er hat einen Platz bei sich, für jeden einzelnen von uns.

Orte der Sicherheit und vor allem der Liebe muß man in unserer Welt suchen. Gott macht uns ein Angebot. Freilich bedarf es der Aufnahme auch bestimmter Einstellungen. "Ich bin der Weg" so sagt Jesus Christus. Wenn ihr meinem Lebensweg folgt, führt dieser Weg auch zum ewigen Leben. Doch wie ist sein Lebensweg? Er der Herr suchte den Frieden unter den Menschen, er ist der Versöhnende und der Verzeihende. Im zu folgen, das heißt auch diese Lebenseinstellung als eigne Lebensperspektive zu übernehmen. Ihr sollt Kinder der Liebe und des Lichts sein, so heißt es im Taufritus. Ihr sollt auch Frieden schaffen wo immer es geht.

Wenn wir uns in diesem Monat Mai, öfters als sonst, vor den Marienbildnissen versammeln um zu beten und zu singen, wird das Thema Frieden auch häufiger im Mittelpunkt stehen. Wir leben in einer Zeit des Krieges, jeden Tag sterben Menschen auf allen Seiten der Beteiligten Konfliktparteien, Schuldige und Unschuldige. Für was eigentlich? Wie kann ein Weg aus diesem Krieg aussehen? Wie kann ein Frieden aussehen? So wie auf unserem Bildnis? Viele haben diese Hoffnung aufgegeben. Zu viel Schlimmes ist passiert. Menschen wurden ihres Menschseins beraubt, Familien wurden getrennt und aus ihrer Heimat vertrieben. Hilflos und ohnmächtig stehen wir diesen Geschehnissen gegenüber, aber doch durch die Medien mit hinein genommen. Das Bildnis und die Geschichte lehren uns aber auch, dass dies immer wieder geschieht, selbst mitten in Europa.

Auf der Suche nach Verlässlichkeit und Beständigen begegnet uns Maria. Während des ersten Weltkrieges hat Bendedikt XV der Gottesmutter den Titel "König des Friedens" gegeben. Durch ihr vorbehaltloses ja zu dem Kind, das Gott ihr schenkte, bekam der Friede Gottes ein lebendiges Gesicht in der Gestalt von Jesus. Durch ihr ja, wird Friede erst möglich. Ein Friede allerdings, den die Welt alleine nicht schaffen kann.

Marias ja, so denke ich, könnte aber durchaus im normalen Alltag und vielleicht auch bei vielen Politikern Programm sein: Ohne viel Wenn und Aber den Frieden suchen, auch ohne Vorbedingungen einmal Vertrauen, mit dem Frieden gleich, jetzt und hier anfangen, trotz aller Widersprüche einen Neuanfang wagen, an das Gute im Menschen glauben ...

Wer so lebt, dem wird oft gesagt werden: "du bist zu blauäugig, zu gutgläubig" – ja, das mag stimmen, aber welch eine andere Hoffnung gibt es sonst? Maria, so möchte ich einmal sagen, war so gutgläubig. Deshalb konnte sie ihr ja zu dem Kinde sagen.

Gott, sei Dank.

Amen

 

Diakon Bernhard Kullmann

Gemeinde St.Michael

Aschaffenburg, Damm

 



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