Predigt Pfingsten 1999

"Was ist Pfingsten?"

Liebe Schwestern und Brüder,

stellen sich vor, Sie würden jetzt unmittelbar und unvorbereitet gefragt: "Was feiern wir eigentlich am Pfingstfest?" – was würden Sie antworten? Schon öfters ist es vorgekommen, dass die Bürger nach ihrem Glauben und ihrem Wissen gefragt wurden. Bezüglich des Pfingstfestes sieht der Kenntnisstand besonders schlimm aus und das Bewußtsein über die Hauptperson des Festes, den heilige Geist, scheint verblasst zu sein. Die heilige Schrift erzählt uns in der Apostelgeschichte von der ungeheureren Kraft, die die Jünger erfahren als sie dem heiligen Geist begegnen. Plötzlich werden sie aus ihrer Lethargie gerissen. Sie stürmen aus ihren engen Räumen hinaus ins Freie, um dort den Menschen von Gottes Größe und von Jesus Christus zu erzählen. Sie werden verstanden, sie überzeugen, und sie haben Mut. So kann Gemeinschaft und eine Kirche entstehen in der der Geist Gottes lebendig ist.

Was ist von diesem Aufbruch geblieben? Wo bleibt die Begeisterung für Gott? Ist Gottes Geist etwa tot?

Die heilige Schrift braucht viele Bilder für diese unbändige Kraft. Sturm, Feuer und Wasserfluten sind Elemente, die das Gewaltige und Mächtige ausdrücken. Aber auch das Beständige und Leise, wie beispielsweise das stille säuseln des Windes werden mit dem heiligen Geist verbunden.

Wie mit vielen anderen Naturkräften auch versucht der moderne Mensch das unbeherrschbare zu kanalisieren und in eine menschliche Ordnung zu bringen. Vielleicht ist deshalb von dem Geist Gottes manchmal so wenig zu spüren. Dort wo nur noch auf Paragraphen und Lehrbücher geschaut wird, dort wo nur Bestehendes konserviert wird und dort wo nur so gehandelt wird, wie es immer schon war, wird Gottes Geist ausgesperrt. Fenster und Türen werden fest verschlossen, eine genau gegenteilige Situation, wie die der Apostelgeschichte.

Dabei stecken in diesem Fest so viele Chancen, Hinweise und Bilder die unser Leben befruchten könnten, und es lohnt sich für uns selbst und für unsere Gemeinschaft sich darauf zu besinnen. Oft sprechen wir von den sieben Gaben des heiligen Geistes. Wenn er uns schon so reichlich beschenkt, was machen wir eigentlich mit diesen Fähigkeiten in unserem Lebens und Glaubensalltag?

  1. Gebrauchen wir unseren Verstand und haben wir zur rechten Zeit die Einsicht in unser eigenes Verhalten? Oft suchen wir ja nach dem letzten Sinn der Dinge. Warum Herr musste das geschehen? - dieses Leid, den Krieg, der Tod oder diese Katastrophe. Oft stehen wir vor einem Rätsel, sind verärgert und verbittert. Die Gabe der Einsicht kann in diese Situationen unser Herz öffnen für Gott, sie hilft uns zu ihm ja zu sagen und befähigt uns ihn als unsere letzte Sicherheit anzuerkennen. Dem modernen Menschen ist dieser Gedanke oft fremd. Er zieht sich lieber selbst am eigenen Schopf aus dem Schlamassel, den er selbst angerichtet hat.
  2. Die Gabe der Wissenschaft und der Erkenntnis. Wir Menschen wollen den Dingen auf den Grund gehen. Gott hat uns den Geist geschenkt die Welt zu entdecken, aber auch zu formen. Aber auch eine zweite Ebene wird angesprochen: wir können unterscheiden was gut und böse ist. Scheinbar ist heute alles machbar, denke sie beispielsweise an die Gentechnologie – aber nicht alles was machbar ist, ist auch automatisch gut.
  3. Gebrauchen wir bei all diesem Handeln die Gabe der Weisheit? Oft legen wir uns ja gleich fest: "so ist es richtig" oder "das ist falsch". Denken wir eigentlich gründlich über unsere Entscheidungen nach, lassen wir unser Gewissen sprechen und lassen wir Gott einem Freiraum in unserer Gedankenwelt? Wir sind gefordert offen zu sein, nicht nur gegenüber ihm, auch unseren Mitmenschen sollen wir so entgegentreten.
  4. Die Gabe des Rates, hilft uns dabei unsere eigene Lebensrichtung am Geist Gottes und seiner Botschaft zu orientieren und auch anderen einen rechten Rat zu geben.
  5. Die Gabe der Frömmigkeit erinnert uns dabei immer wieder, dass wir als Kinder Gottes geboren sind. Gerade diese Gabe scheint in unser Zeit verschüttet zu sein. Durch fehlendes Beten geht die Verbindung zu Gott verloren. Gerechtigkeit, Friede, Liebe und Hoffnung leiden unter diesen Mangel. Die Welt wird härter und schlechter, so hören wir oft. Welchen Zeiten gehen wir entgegen, wenn Gott keine Rolle mehr in unserem Leben spielt?
  6. Die Gabe der Ehrfurcht befähigt uns Schwäche, Angst und Einsamkeit anzunehmen und uns Gott ganz und gar zu überlassen. Erst dadurch, dass wir seine Größe anerkennen ist dies möglich. Gott ist dabei ein Partner des Menschen und keiner vor dem man Furcht haben müsste.
  7. Die Gabe der Stärke lässt diese Punkte lebendige Wirklichkeit werden. Sie gibt uns Mut Gutes zu tun und den Glauben an ihn zu bekennen, sie stärkt das Vertrauen und hilft uns die Trägheit des Alltags zu überwinden und mit Ausdauer seine Botschaft unter den Menschen umzusetzen.

Vielleicht liebe Schwestern und Brüder wird uns gerade durch diese Auflistung ein Idealbild gezeichnet, das uns mutlos werden lässt. Ich denke aber nicht, das dies Gottes Absicht ist. Er schenkt uns all diese Geistesgaben weil er uns liebt und uns zur Freiheit berufen hat. Sie selbst können das Fenster öffnen, aber auch verschlossen halten – Gottes Geist hereinlassen oder ihn aussperren. Jeder von uns wird so von Gott beschenkt, immer wieder und beständig. Packen Sie Gottes Geschenke aus und gebrauchen sie diese! Lassen Sie Gottes Geist in ihr Herz und in ihren Verstand!

Ich bin mir sicher, dass es sich lohnt.

Amen

 

Diakon Bernhard Kullmann

Gemeinde St.Michael

Aschaffenburg, Damm

 



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