Predigt: Das Beispiel von der Selbstsicherheit des reichen Mannes: Lk 12,13-21

Liebe Schwestern und Brüder,

wie so oft, spüre ich auch bei diesem Evangelium, dass Jesus, bei seinen Reden und Gleichnissen, einerseits immer Gott im Auge hat, andererseits den Menschen nie aus dem Blick lässt - und Jesus zeigt, dass beides zusammengehört.

So ist die Szene, von der der Evangelist Lukas berichtet und in der Jesus steht, eine ganz alltägliche, auch aus dem Abstand von 2000 Jahren betrachtet.

So möchte ich zunächst auf eine erste Beobachtung eingehen: den Menschen, beschäftigt sehr stark sein materielles Haben. Ich denke, gerade in unserer Zeit wird diese deutlich.

l Seit einigen wenigen Jahren ist es bei uns üblich, dass Börsenkurse und Gewinne von Unternehmen in Nachrichten öffentlich, täglich und im Verhältnis recht umfangreich dargestellt werden. Was früher nur bei einer bestimmten Gruppe Interesse erweckte, gilt heute oft als Maßstab für das Wohlergehen der Gesellschaft. Dem Kursgewinn wird in Folge dessen vieles untergeordnet - auch der Mensch. Ob ein paar Arbeitslose mehr oder weniger das interessiert schon gar nicht mehr, denn das Ziel ist: die Rendite muss steigen.

l Diese große Philosophie dringt in unseren Lebensalltag ein. Selbst im Bereich der caritativen und sozialen Dienste wird nach Kostenrechnung verfahren. Reduzieren auf ein Minimum ist die tragische Konsequenz aus dieser Situation. Eine Schwester oder ein Pfleger, kann es sich kaum leisten, einfach sich mal für ein halbe Stunde an das Bett zu setzen, zuzuhören und die Hände halten. Die Kostenrechnung sieht einen solchen Posten nicht vor, er gilt als unproduktiv.

l Manche tun es, Gott sei Dank, doch, auch viele Ehrenamtliche nehmen sich Zeit für andere. Aber auch da stößt man zum Teil, indirekt, auf Unverständnis. So tut es schon weh, wenn man jemanden besucht, und dann von einem gut meinenenden Angehörigen gefragt wird: "was bekommen Sie denn?" oder wenn bei einem Fest von Mitarbeitern gefragt wird, was springt denn dabei heraus? Selbst bei Nachbarschaftshilfe geht es oft um Geben und Nehmen.

Liebe Gemeinde, ich bin mir sicher, viele könnten diese drei Beispiele mit eigenen Erfahrungen bereichern, aber es sollte uns auch klar sein, dass wir nicht selbst von diesem Denken ausgenommen sind. Auch in mir entdecke ich diese Fragen: Was bringtīs? Lohnt es sich überhaupt? Ist der Aufwand nicht viel zu groß, für den geringen Ertrag? Gerade bei unserer Arbeit am "Einen Welt Stand" fragen wir dies immer wieder, wenn an einem Wochenende Verkauf für die Mission 17,34 DM übrigbleiben.

Eine zweite positive Beobachtung zeigt aber, dass viele Menschen trotzdem diesen "Blödsinn" (in den Augen der Finanzleute) mitmachen. Es gibt vielerorts selbstlose Helfer auch in unserer Zeit, denen eine Kosten- Nutzenrechnung in ihrem Dienst fremd ist. Vieles von der praktizierten Nächstenliebe wäre auch gar nicht zu bezahlen. Ich denke da an die vielen Besuchsdienste, die Arbeit im Ehrenamt, die Aktionen und Arbeiten für die Mission, so zum Beispiel auch daran, dass die verschiedenen Gruppen in der Gemeinde, allein in den letzten zwei Monaten über 4500.- DM für die Mission zusammengetragen haben. Da wurde gesungen, gebastelt, verkauft, gesammelt und keiner hat die Stunden der Jugendlichen und Mitarbeiter gezählt und berechnet.

Vielleicht meint Jesus, dass dies die Schätze für das Himmelreich sind!

Es ist bestimmt nicht gut, immer nur an das Jenseits zu denken, ich glaube auch nicht, dass es richtig ist, nur mit Blick auf den eigenen Schatz im Himmelreich gut zu handeln. Es geht wie so oft um den Nächsten - ihm zu liebe ist Großzügigkeit, Selbstlosigkeit und Barmherzigkeit notwendig.

Gottes Reich soll nicht nur dort lebendige Wirklichkeit sein, sondern es soll hier und heute, für all die Anderen und auch für uns anbrechen. Wir beten es ja immer wieder: "dein Reich komme, wie Himmel, so auch auf Erden". Schon deshalb sind gerade wir Christen aufgerufen, dieses Evangelium durch unser Handeln erfahrbar werden zu lassen.

In dem Pfadfinderlied das die Jugendlichen und Kinder, und auch manche Älteren, so gerne singen, heißt es:

"kommt lasst uns den Anfang machen,
wir probieren neue Sachen,
brauchen Mut und Phantasie, sonst ändern wir die Erde nie.
Flinke Hände, flinke Füße, wache Augen, weites Herz.
Freundschaft die zusammenhält so verändern wir die Welt."

Ich wünsche unserer Kirche, unserer Gesellschaft und unserer Gemeinde dass Gott uns die Kraft in dieser Welt dazu gibt, so die himmlischen Schätze anzuhäufen. Nicht nur für später, sondern auch für hier und heute.

Zum Schluß noch ein kleiner Tip, auch wenn es oft zum Witz gemacht wird, es hängt mit dem Pfadfinderlied zusammen:

"Jeden Tag, ne’ gute Tat."

Welchen Schatz habe ich mir eigentlich heute schon im Himmel angesammelt?

Was die einen mit dem Geld können, könnten wir doch mit diesen Schätzen eigentlich auch tun.

Amen

Diakon Bernhard Kullmann,

St.Michael, Aschaffenburg

1./2. August 1998



Hier gehtīs zu einer Einladung und zur Predigtseite