Erntedank 1998: Vom Sinn des Festes
Liebe Schwestern und Brüder,
an diesem Wochenende wird in der Kirche das Erntedankfest gefeiert. Auch unser Altar ist reichlich geschmückt, die Früchte sollen unsere Dankbarkeit gegenüber Gott zum Ausdruck bringen, für das, was wir im vergangenen Jahr geschenkt und auch erarbeiten durften.
Wenn auch dieser Gabenaltar vor allem an die Landwirtschaft erinnert, die uns heute oft fremd ist (in Damm gibt es nur noch weniger als eine Handvoll Landwirte), so ist der geistliche Inhalt doch das maßgebliche. Als Christen wissen wir uns unter die Allmacht Gottes gestellt. Er ist der Richtungsweisende und der Schenkende.
Liebe Mitchristen, ich erwähne dies in dieser Deutlichkeit weil wir meines Erachtens diese Spiritualität des Erntedankfestes oft vergessen.
Bei all diesen vier Punkten kann man natürlich so tun, als ob es Gott nicht gäbe. Die Medien und die Gesellschaft machen es uns vor. Spiritualität heißt aber in diesem Zusammenhang: Gott in diese Alltagssituationen eindringen zu lassen. Das heißt auch zu erahnen und zu spüren, wie die Zusammenhänge aus der Sicht des Glaubens zu sehen sind. Manche der aufgeführten Probleme bekommen dann eine ganz eigene Dynamik und eine neue Dimension. Manche Frage wird unwichtig erscheinen, andere Fragen werden erst aus der Sicht des Glaubens entstehen.
Erntedank erinnert uns an Gottes Schöpfung. Wir sind selbst ein Teil seiner Schöpfung. Und seine Schöpfung ist ein prächtige Schöpfung die unser Herz erfreuen kann, wie auch schon die Psalmisten davon erzählen. Wir tragen mit an der Verantwortung für seine Schöpfung, nicht nur weil auch zukünftige Generationen auf diesem Planten leben wollen, auch weil alles von ihm, den Herrn geschaffen ist. Aus seiner Größe entsteht Respekt und Verpflichtung. Mir begegnet in diesem Zusammenhang das Gebot der Nächstenliebe: Liebe deinen Nächsten (auch die künftigen Generationen) wie dich selbst und liebe ihn, den Herrn. Das eine ist auch da nicht losgelöst vom anderen zu betrachten. Der Weg zu ihm führt über die Verantwortung für den Nächsten.
In dem Beispiel des Herrn wird immer wieder seine Barmherzigkeit für den Leidenden und den Kranken deutlich. Im nachzufolgen heißt auch, es ihm gleich zu machen. Wir haben oft Nahrung im Überfluss. Wie gehen wir damit um? Der Leidende in der einen Welt kann uns auf diese einfache Fragen bessere Antwort geben als die Agrarbürokratie in Brüssel. Im nachzufolgen heißt auch, im Kleinen zu versuchen, seine Barmherzigkeit am Menschen lebendige Wirklichkeit bereits in dieser Welt werden zu lassen.
Sie sehen, welche Begriffe durch die Betrachtung des Glaubens ins Gespräch kommen:
Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Güte, Offenheit und Liebe.
Finden wir in unseren Gesprächen und Dokumenten diese Begriffe? - oder verrät die Sprache, dass sich doch oft nur alles um uns selbst dreht.
Das Erntedankfest kann uns den Blick für diese Zusammenhänge öffnen, und es kann uns zur Dankbarkeit und zur Ehre führen. Auch das braucht unsere Gesellschaft, wenn sie sich aus der immer mehr verbreitenden Anonymität und dem Egoismus befreien will.
Ich danke Gott dafür, dass er uns den rechten Weg weist, uns wünsche ich, dass wir die Kraft haben gegen den Strom der Gleichgültigkeit zu schwimmen. Er hilft uns dabei!
Amen
Diakon Bernhard Kullmann
Gemeinde St.Michael
Aschaffenburg-Damm