Predigt zum Karfreitag 1999
Liebe Schwestern und Brüder,
sie schlugen ihm ins Gesicht,
sie setzten ihm eine Dornenkrone auf,
sie stahlen ihm die letzten Kleider,
sie verhöhnten ihn,
sie prügelten auf ihn ein,
sie ließen ihn seine eigene Hinrichtungsstätte durch die Öffentlichkeit schleppen,
sie ermordeten ihn und stellten seinen Leichnam zur Schau.
Viele haben sich über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch.
Das, was wir in der Lesung und im Evangelium hörten, geschieht jetzt in dieser Stunde. Auch jetzt werden Menschen so behandelt, gequält, vertrieben, all ihrer Würde beraubt und ermordet. Jetzt, das heißt in Serbien, Kosovo, Türkei, in vielen Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens. Jetzt, das heißt auch bei uns, dort wo Streit und Zwietracht herrschen, in unseren Familien, am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft.
Scheinbar war es zu allen Zeiten so, daß Menschen sich bekämpften. Die heilige Schrift, und auch andere Zeugnisse aus lang zurückliegender Zeit, erzählen immer wieder von Auseinandersetzungen, denen Menschen zum Opfer fallen. Vielleicht denkt jetzt der ein oder die andere, also das mit Jesus war gar nichts besonderes, wenn es das schon immer gab, Menschen sind grausamer ermordet worden. Menschenrechtsverletzungen gab es schon immer. Das stimmt, aber es wird an diesem Karfreitag Nachmittag auch darüber zu reden sein, was das besondere an diesem Tod von Jesus ist. Denn sein Kreuzestod letztlich führt uns als Gläubige hier zusammen.
Ich möchte das Geschehen zunächst sehr irdisch betrachten. In Jesus begegnet uns der gute Mensch an sich. Er wird uns als einer geschildert, der offen für alle Bevölkerungsgruppen ist. Er spricht mit der samaritschen Frau, verkehrt bei dem Zöllner, gibt sich mit Ehebrechern und Sündern ab, er hat keine Angst vor Krankheiten und dem Tod. Er predigt und lebt die Liebe. Er bringt die Wahrheit zur Sprache und nie erhebt sich seine Hand gegen einen anderen Menschen. Er hat wohl eine Art und einen Blick an sich, die andere Menschen fesseln, so daß sie sich für ihn begeistern und bereit sind ihm zu folgen.
In seiner Ehrlichkeit übt er an den Mächtigen Kritik, aber nie so, daß er unbarmherzig und verletzend ist.
Würden Sie einen solchen Menschen verachten? Würden Sie mitschreien: "ans Kreuz mit ihm!"? Würden Sie ihn ausschließen aus der Gesellschaft?
Es muß einiges an diesem Tag in Jerusalem passiert sein, daß selbst die Bevölkerung, die ihm wenige Tage zuvor noch einen triumphalen Empfang bereitet hatte, sich gegen ihn richtet. Die Mächtigen bekommen Oberhand und er bekommt keine Chance – der Gute wird hingerichtet.
Es ist schwer zu verstehen, was Menschen immer wieder dazu treibt solche Dinge zu tun. Machtgelüste, Neid, Gier und Habsucht sind oft Ursachen. Ethnische Unterschiede, verschiedene Religionen, überkommene Traditionen und das nicht Verarbeiten von erlittenem Unrecht führen auch heute zu individuellen Auseinandersetzungen und in Gesellschaften zum Krieg. Der Krieg im Kosovo ist nur das jüngste Beispiel dafür. Wissenschaftler sagen voraus, daß das kommenden Jahrhundert noch mehr als bisher von ethnischen und religiösen Auseinandersetzungen geprägt sein wird – schöne neue Welt?
Im Gegensatz zu Jesus, und das behaupte ich als Christ mit ganzer Absicht, läßt sich der Gute bei den Konflikten heute nicht einfach ausmachen. Wer hat Recht? Sie merken an der gesellschaftlichen Diskussion beispielsweise um die NATO-Einsätze, daß sich die Frage nicht eindeutig beantworten läßt. Bei Jesus hingegen haben alle gut gewillte Menschen eine Konsens.
Ich denke, das der Gute und Gerechte stirbt, ist das Besondere an diesem Karfreitag Nachmittag. In diesem Punkt liegt für mich auch die ganze religiöse Dimension des Geschehens.
Lassen sie es mich an einem Bild verdeutlichen. Vor einigen Wochen fragte mich ein Schüler: Warum eigentlich reißt der Vorhang auseinander, warum gibt es ein Erdbeben, verfinstern sich die Wolken und es kommt ein Unwetter beim Tode Jesu auf? Der Evangelist bringt hier Gott und die Schöpfung ins Spiel. Jesus selbst gebraucht dieses Bild. Ich werde den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen. Mit seinem Tod bricht die Dunkelheit und das Chaos über die Welt herein. Eine Gott verlassene Welt bringt nur Leid und Unglück mit sich. Die Naturelemente um uns herum, und noch mehr die in uns, regieren die Zeit und das Leben. Böse Kräfte sind entfesselt. Biblisch werden wir an die Zeit vor der Schöpfung erinnert, auch dort herrscht das Chaos vor. Urfluten, Nacht und Stürme, ungeordnete Energien machen das Leben unmöglich. Es ist keine von Gott verlassene Welt, vielmehr ist es so, daß er sie sich selbst überläßt.
Machen wir einen kleinen Exkurs in die neue Zeit. Ist es auch hier nicht so, daß dort, wo Gott aus der Welt gedrängt wird, und das ist immer der Fall wenn der Mensch nur sich selbst sieht, das Unrecht aufkommt. Dort wo die Gebote des Herrn, vor allem "du sollst den Nächsten und Gott lieben, so wie dich selbst", nichts mehr zählen, entsteht Ungerechtigkeit, Unfrieden, Krieg und Zerstörung. Die jüngsten Konflikte und Kriege sind Beispiele dafür.
Mit dem Tod des Herrn kommt die Welt in diese Situation. Der Vorhang des Tempels zerreißt, er trennt damit die Zeit vorher von der Zeit nach dem Tod des Herrn.
Viele erkennen in dieser Situation die Größe und die Allmacht Gottes.
Selbst im Tod, verläßt er diese Welt nicht. Der Prophet Jesaja bringt es auf den Punkt, indem er sagt: "Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich".
Wir, liebe Schwestern und Brüder, sind die, die damit gemeint sind. Für unsere Sünden stirbt er, unsere Schuld lädt er auf sich. Es ist eine große Schuld die er zu tragen hat, seine Schultern sind breit und tragfähig. Aber auch das zeigt uns die heilige Schrift: "du wirst noch heute mit mir im Paradiese sein", das gilt für den, der seine Schuld eingesteht und auch bereit ist einen neuen Weg zu gehen.
Für Jesus war dies ein steiniger und schmerzhafter Weg. Auch heute ist der Weg der Gerechtigkeit kein bequemer Weg, aber liebe Schwestern und Brüder, wer auf diesem Weg geht, geht den Weg des Lebens.
Deshalb auch dürfen wir, dann wenn im heiligen Sakrament der Eucharistie Gott zu uns kommt, immer wieder beten: "deinen Tod o Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit."
Ich wünsche uns an diesen drei heiligen Tagen, daß Gott ganz bei uns ist, daß wir uns als Erlöste verstehen und daß wir lernen aus der Hoffnung seines Evangeliums zu leben.
Amen
Diakon Bernhard Kullmann
Gemeinde St.Michael
Aschaffenburg, Damm