Christkönigssonntag, 1999

Wer ist unser König?

Liebe Schwestern und Brüder,

als 1925 Papst Pius XI das Fest "Christkönig" einführte, wurde vor allem die soziale und staatspolitische Bedeutung des Festes hervorgehoben. In einer Zeit, in der immer mehr Ideologien, denken wir an den Kommunismus oder Nationalismus, groß wurden und in der an vielen Orten in der Welt Revolutionen und Umstürze vorkamen, setzte die Kirche mit diesem Fest einen besonderen Akzent: für Christen gibt es nur einen König, nur einen Maßstab – nämlich Christus selbst. Selbst in den Zeiten des Nationalsozialismus versammelte sich am Christkönigssonntag die katholische Jugend zum Bekenntnis für Christus.

Ich denke, es ist gut sich dies vor Augen zu halten, denn auch heute fordert uns die Zeit zu einem klaren Bekenntnis zu Werten und Maßstäben. Vielleicht wird das vieler Orts nicht so gesehen, aber ich meine, die vielen negativen Auswirkungen maßstabsloser Beliebigkeiten, verbunden mit Egoismus und Größenwahn sind nicht mehr zu übersehen. Auf der Strecke bleiben jene, von denen das heutige Evangelium erzählt: die Hungrigen und Durstigen; die Fremden und Obdachlosen; die Kranken, Nackten und Gefangenen – auf der Strecke bleibt Jesus selbst, auch davon erzählt uns dieses Evangelium.

Wir feiern heute den letzten Sonntag in diesem Kirchenjahr, mit dem kommenden Sonntag beginnt das erste Kirchenjahr, das in das Jahr 2000 hinein reicht. Dieser Sonntag ist damit auch eine "Zeiten – Wende". Wie bei jeder Wende ist es deshalb gut, sich auch einmal auf das Zukünftige zu besinnen. Das heutige Fest bietet so die Chance, einmal ganz direkt einige Anfragen an uns zu stellen:

Diese Fragen lassen sich aus der Sicht des alltäglichen Lebens recht einfach angehen. Prägend in unserer Zeit sind gesellschaftlicher Erfolg, Reichtum und Unabhängigkeit. Richtet eine Gruppe von Egoisten über den Erfolg eines Lebens, wird sie sich das Bankkonto, die Reichtümer, das Auto, die Attraktivität der oft wechselnden Partnerschaften, den Machteinfluß, die Titel und sonstige Dinge anschauen. Ich gebrauche das Wort richten, weil auch im Evangelium vom Weltgericht die Rede ist. Auch wir sind oft Richter, weil wir genau diese genannten Maßstäbe setzen. Es sind nicht Einzelne die so handeln, es ist vielmehr die Gesamtheit unserer Gesellschaft, die dieses aus der Sicht des Evangeliums sinnlose Urteil fällt. Wollen wir tatsächlich so weitermachen? Die heilige Schrift erzählt oft von Gesellschaften und Kulturen, die ihr Leben genauso gestalteten, wie wir es heute tun. Immer wieder wollen Menschen so wie Gott selbst sein, nämlich allmächtig.

Dabei verlernen Sie Gott selbst zu kennen. Sie sehen in ihm gerne einen König, aber einer der mächtig, reich und prächtig diese Welt beherrscht. So einen wünschen wir uns oft und spekulieren dabei vielleicht sogar damit, dass von seinen Glanz und Reichtum ein bißchen was auf uns herabfällt. Es wäre doch gut, in seinem Hofstaat ganz nahe bei ihm zu sein.

Dass es ganz und gar anders ist, erzählt uns das heutige Evangelium. Da richten nicht die Menschen über Erfolg und Misserfolg, da richtet der Herr selbst. Und es ist sein Gesetz und seine Wesensart, die die Maßstäbe setzen. Und nahe können wir ihm dabei auch sein, das ist das liebevolle Versprechen des heutigen Textes. Er begegnet uns in dem leidenden und unterdrückten Nächsten. In ihm wird Gott lebendig und er lohnt es, wenn wir diesem Nächsten mit Barmherzigkeit, Güte, offenen Augen und Ohren und viel Toleranz begegnen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass ein Bekenntnis zu diesem Christus als dem König, diese Gesellschaft zum Guten hin ändern kann. Wenn auch in der 2000 jährigen Geschichte der Christen im Namen des Herrn viel Böses geschehen ist, so stehen wir als aufgeklärte Menschen heute doch in der Situation etwas tun zu können. Könige der Vergangenheit haben die Stimme des Volkes oft unterdrückt. Aber heute können wir reden und handeln. Es beginnt im kleinen, dort wo wir leben und es geht weiter, wenn wir auch den Mut haben, seine Botschaft unter uns lebendige Wirklichkeit werden zu lassen. Es ist halt keine bequeme Sache die er von uns fordert: Teilt, nehmt euch Zeit, solidarisiert euch, werdet politisch, seid sozial, seid christlich, seid offen, lebt bewußt, geht seinen Weg, teilt euch mit, kämpft für den Glauben mit Liebe, habt Mut, Vertrauen und Hoffnung. Die Liste christlichen Verhaltens läßt sich noch fortsetzen.

Unser König, Jesus war genauso. Da ist schon Macht dahinter. Durch die heiligen Sakramente und durch seinen Beistand im heiligen Geist, schenkt er jedem einzelnen von uns die Kraft genauso zu leben. Der Christkönigssonntag fordert uns zu dieser Nachfolge auf. Die Zeiten – Wende stellt uns vor eine neue Herausforderung. Wie wird die Zukunft von uns selbst und die Zukunft unserer Kinder aussehen? Ich wünsche mir jedenfalls, dass sie eher in dem Königreich Christi leben sollen, denn dieses ist ein Reich der Gerechtigkeit – ein Reich, das er uns zusagt. Es wird bereits auf Erden lebendige Wirklichkeit, wo wir es umsetzen und praktizieren und es setzt sich im Himmel fort, so die christliche Verheißung.

In der letzten Strophe des Liedes: "Christus, Schöpfer aller Welt" heißt es:

deine "Herrschaft wird nicht enden, führe uns mit starken Händen", ich spüre, dass unsere Zeit dies in besonderen Maße braucht und wünsche uns, dass uns der Herr durch die Zeiten begleitet.

Amen

 

Diakon Bernhard Kullmann

Gemeinde St.Michael

Aschaffenburg, Damm

 



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