Predigt am 30. Oktober 99

Weltmission - Und vergib uns unsere Schuld

Liebe Schwestern und Brüder,

an diesem Wocheende begehen wir in unserer Pfarrgemeinde den Weltmissionssonntag. Der Anlaß öffnet uns den Blick auf die Anliegen der Menschen draußen in der Welt und zugleich auf unsere Aufgabe als Christen, den Glauben weiter zu geben.

Zwei Grunddienste, unsere Kirche, und das möchte ich dabei besonders betonen, werden dabei deutlich: es geht um Verkündigung des Glaubens (1) und um die Diakonie (2).

Auch in dem Evangelium des heutigen Tages klingen diese beiden Elemente an.

Jesus spricht von denen die in den ersten Reihen stehen. Sie lassen sich gerne grüßen, sind bekannt beim ganzen Volk und lassen sich mit wohlklingenden Titeln anreden. Da wird eine Lebensweise, die auch unserer modernen Zeit nicht fremd ist, kritisiert.

Andrerseits betont Jesus auch die Verpflichtung des Einzelnen für seinen Nächsten. Ihr alle seid Brüder und Schwestern spricht der Herr, keiner soll der Erste sein, denn es gibt nur einen und das ist Gott der Herr. Der Größte von euch soll euer Diener sein.

Jesus kommt bei der Gegenüberstellung dieser beiden Sichtweisen zu einem mißbilligendem Urteil: "Tut und befolgt also alles was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun".

Ich möchte diesen Gedanken so als Aufgabe für mich verstehen, dass ich das Wort Gottes ernst nehme und das lebe was er von mir will, nämlich "kehre um und glaube an das Evangelium". Auch in diesem Wort steckt der Grundgedanke: Lebe das Evangelium und verkünde es auch! oder auch: handle recht und gut und dann erzähle auch von Gott und seiner befreienden Botschaft.

In einem Jugendlied heißt es: kommt laßt uns den Anfang machen und später, flinke Hände, wache Augen, weites Herz - sonst ändern wir die Erde nie. Das Pfadfinderlied zeigt uns dabei schön worauf es für einen Christen eigentlich ankommt.

Wer etwas ändern will, braucht zunächst wache Augen. Schauen wir hinaus in die Welt. Am Beispiel eines kleinen Jungen wollen wir erkennen wie schlimm es dort oft aussieht:

In Südamerika, weit weg von hier lebt Pablo mit seinen Eltern und fünf Geschwistern, "Aber Leben kann man das nicht nennen, das ist nicht einmal ein Hundeleben," meint sein Vater. Und er hat allen Grund zu schimpfen, denn als seine zwei Ziegen starben, und das Saatgut immer teurer wurde, musste er sich Geld leihen. Doch was er auf den Feldern erntete, reichte nicht aus, um die sechs Kinder satt zu bekommen, und um die Schulden zu bezahlen, reichte es schon gar nicht. Schließlich musste er die Felder verkaufen. Als er nichts mehr besaß, blieb ihm nichts anderes, als in die Stadt zu ziehen, um dort Arbeit zu suchen. Doch die fand er nicht, denn zu vielen Bauern ging es so wie ihm. Jeden Abend kam er traurig und enttäuscht mit leeren Händen zu seiner Familie zurück. Sie hatten sich wie alle, die kein Dach über dem Kopf hatten aus Holzlatten, Pappe und alten Kartons eine Hütte errichtet. Da der Vater keine Arbeit fand, versuchte sich Pablo als Schuhputzer. Doch immer wurde er von anderen verjagt. Zu Hause warteten Mutter und Geschwister hungrig und verzweifelt. Für die kranke kleine Schwester gab es keine Medizin, weil kein Geld da war. Schließlich begann Pablo zu betteln.

Im Lied war vom weiten Herz die Rede. Rührt sich unser Herz, wenn wir von diesem Schicksal hören. Wie stehen wir zu den Bildern die wir kennen, auf diesem Plakat oder aus dem Fernsehen. Geht alles an uns vorbei? Wie denken wir darüber? Jesus macht uns in seinem Evangelium sensibel für das zum Himmel schreiende Unrecht. Pablo ist unser Bruder, einer von uns Menschen, er gehört zu denen von denen der Herr spricht. Unser Herz sollte weit und offen für das Leid der Menschen sein. Manchmal in unserer Zeit sind die Klagen zu viel: Erdbebenopfer, Kriegsopfer, Flüchtlinge, Arbeitslosigkeit, Armut, Verschuldung und Krankheiten - auch bei uns, aber noch viel mehr draußen in der Welt. Ich kenne durch viele Gespräche diese Situation und weiß, dass man manchmal fast verzweifeln könnte. Wo anfangen, wo macht es Sinn, was ist das Vordringlichste? In diesem Dilemma stehen viele. Auch ich kenne keine Lösung, aber ich weiß, dass es falsch ist gar nichts zu tun. Das Leid der Vielen ist leider oft Ausrede für die eigene Passivität.

"Und vergib uns unsere Schuld" - das ist die Bitte die uns in dieser Situation bleibt. Denn oft sind unsere Verflechtungen mit dem, was dort in der Welt geschieht nicht zu sehen. Es sind komplexe Wirtschaftzusammenhänge. Unser Streben nach Reichtum und Macht bedeutet auf der anderen Seite der Erdkugel oft Armut und Unterdrückung. Wenn wir als Einzelne diesem Schicksal auch oft hilflos gegenüberstehn und nur wenige persönlichen Einfluß haben, so sollten wir doch um die Zusammenhänge wissen und uns deshalb immer wieder informieren.

So bleibt die kritische Anfrage an uns: Was tun? Im Pfadfinderlied heißt es: flinke Hände, flinke Füsse ... Mut und Phantasie. Also ein Anruf selbst etwas zu tun. Was mich da selbst immer wieder am meisten begeistert ist das Wort Phantasie. Auch deshalb weil Jesus selbst als phantasievoller Mensch gelebt hat. Was heißt das:

Zunächst: Jesus hat die Vision von Gottes Reich auf Erden. Dort wo Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit gelebt wird bricht Gottes Reich an - und es lässt sich nicht aufhalten, es zieht seine Bahne und Kreise. Jesus hat es selbst sehen können. Seine Barmherzigkeit und Liebe hat die Menschen zusammen geführt, auch in seiner Kirche in der sein Geist lebendig ist.

Ein Zweites: Jesus greift zu und packt an. Er der Herr ist sich nicht zu schade, dem Jünger die Füße zu waschen. Er berührt die Kranken und besucht die, die am Rande der Gesellschaft stehen.

Ein Dritter Punkt noch dazu: Jesus wirft dabei manche Tradition über Bord. Auch im heutigen Evangelium greift er die Etablierten und Mächtigen an. Er verlässt eingefahrene Wege, tut das Ungewöhnliche und Überraschende.

Das können wir nicht leisten, aber vielleicht rüttelt uns sein Evangelium und die Begegnung mit der geschundenen Welt auf.

Das ist meine Hoffnung und auch mein Wunsch an Sie.

Amen

 

Diakon Bernhard Kullmann

Gemeinde St.Michael

Aschaffenburg, Damm

 



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